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[im Test: ABZÛ für Playstation 4]
Wie eingeschränkt ist der Begriff „Games“?

Manche nennen es das „Unterwasser Journey“ und haben damit vielleicht auch nicht ganz unrecht. ABZÛ stammt unter anderem von Art Director Matt Nava und Komponisten Austin Wintory, welche beide vor der Gründung ihres Studios „Giant Squid“ bei „That Game Company“ an der Entwicklung von „Journey“ maßgeblich beteiligt waren. Ihre Herkunft merkt man dem Gesamtton des Spiels jedenfalls deutlich an, dennoch zeigt ABZÛ genug Eigencharakteristika, um sich von seinem spirituellen Vorgänger abzuheben, kommt dabei aber nicht ganz an die ursprüngliche Magie heran.

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Nach einer kurzen Sequenz ohne viel Einführung oder Erklärungen beginnt man mit dem Spielcharakter in der See herum zu schwimmen. Das Spiel ist von Anfang bis Ende sehr einfach in seiner Spielmechanik gehalten und so steuert man den Charakter mit wenigen Inputs durch verschieden gestaltete Unterwasserwelten. Durch die Präsenz tatsächlich existierender Meeresbewohner fällt schnell auf, dass es sich hier eventuell nicht nur um ein abstraktes Setting handelt, sondern in gewisser Weise in unserer eigenen Welt spielen soll.

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Dem gegenüber wird ein interessanter Kontrapunkt gesetzt: Viele der Unterwasserwelten beherbergen neben ihren Bewohnern vor allem auch Ruinen einer vermutlich nicht mehr existenten Zivilisation. Damit wird das environmental storytelling schnell zu einem wichtigen Bestandteil des Erlebnisses: Der Spieler versucht gemeinsam mit dem Spieler-Charakter herauszufinden, was in der Welt passiert ist und gleichermaßen herauszufinden, was die Rolle dieses (leicht katzenähnlichen) Tauchers in der Welt sein könnte.

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Ohne viel vorweg nehmen zu wollen, wird diese Frage zu einer interessanten aber auch kurzen Entdeckungsreise, die zwar nicht viel verschiedene Spielmechaniken bietet, aber durch schön gestaltete Welten als meditatives Erlebnis durchaus überzeugen kann. Was leider etwas fehlt, ist die Empathie, die man mit dem Charakter während dieser Reise aufbaut und dies wird in kleinen aber wesentlichen Design-Unterschieden zu Journey deutlich: Während der Spieler bei Journey stark mitfühlt, wenn der Charakter Schaden erleidet, wobei man eine wesentliche und hart erarbeitete Ressource verliert, scheint dies bei ABZÛ kaum Auswirkungen zu haben – man verliert schnell den Respekt vor bestimmten Wesen in der Welt.

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Zusätzlich half dem Impact des Gesamterlebnisses bei Journey vor allem auch die zyklische Story und die dezenten Multiplayer-Komponenten, welche diesem Spiel bis heute einen Wiederspielwert geben; ABZÛ bietet dagegen ein weniger nachhaltiges Erlebnis. Insofern weiß das Spiel zwar insgesamt zwar durch ein hoch ästhetisches audiovisuelles Erlebnis zum sprichwörtlichen „Abtauchen“ zu überzeugen, als Spiel und Gesamtwerk hatte Journey jedoch deutlich mehr zu bieten.

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Aber vielleicht ist es mittlerweile auch einfach schwierig geworden, Games als „Games“ zu klassifizieren; erwartet man zu schnell etwas Bestimmtes – Aktionen, Interaktionen, Mechaniken – wenn man diesen Begriff hört? Sind wir an einem Punkt, an dem die Zugehörigkeit eines Erlebnisses zu der Kategorie „Game“ schon so viele Implikationen mitbringt, dass ohne bediente Konventionen ein Erlebnis „als Game“ enttäuscht, obwohl es ohne dieses Label – zum Beispiel als interaktives Ausstellungsstück in einem Museum – vielleicht besser rezipiert würde? (Bei Spielen wie „Rez“ hatte ich vor ein paar Jahren schon ähnliche Gedanken).

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Ich behaupte sogar, dass ABZÛ bei einem Publikum, das normalerweise vielleicht kaum Games spielt, deutlich besser ankommen kann als bei versierteren Spielern. ABZU ist ein wunderbarer und sehr ästhetischer Zeitvertreib für einen Nachmittag, an dem man sich einfach mal ein wenig entspannen möchte. Wenn man es also schon mit Spielen von „ThatGameCompany“ vergleicht, sollte man Parallelen in der Spielatmosphäre da wohl eher mit „Flower“ oder „Flow“ ziehen, (in dieser Art des Erlebnisses funktioniert ABZÛ besonders gut, und sich überlegen, ob es vielleicht einen neuen Begriff braucht, um solche Erlebnisse einzuordnen (wenn das denn nötig ist).

ABZÛ ist jedenfalls ein lohnendes Erlebnis, das trotz seiner Reduziertheit wieder einmal ein wenig frischen Wind in die ausgetretenen Pfade der Industrie bringt.

 

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