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[Im Test: The Last Guardian v.1.0.2, Plattform: Playstation 4 (excl.)]

Über neun Jahre lang durften Fans von „ICO“ und „Shadow of the Colossus“ – den beiden ersten und bisher einzigen Werken des Spieledesigners Fumito Ueda, die unter Kritikern wie auch Spielern gleichermaßen als Meilensteine der Videospielgeschichte gelten, auf das dritte Spiel von „Team ICO“ warten. Aber hat sich das Warten nun gelohnt? Ich habe eine Weile mit The Last Guardian verbracht und möchte euch hier ein paar Eindrücke schildern ohne dabei zu konkret zu werden, um vor allem story-relevante Spoiler auszulassen.


 
Liest man aktuelle Reviews zu The Last Guardian, fällt neben allem Lob vor allem eines auf: Kritik an störrischer KI, veralteter Grafik und umständlichen Spielmechaniken. Kritiken, die sicherlich in Teilen nachvollziehbar sind und vor allem eines zeigen: hier wird The Last Guardian in erster Linie als Spiel rezensiert und nicht als Gesamterlebnis. „Logisch“, werden viele sagen, „es ist ja schließlich ein Spiel“ – aber ist The Last Guardian primär im eigentlichen Sinne ein Spiel und ist das wirklich so relevant?


 
Beim meinem ersten Durchlauf war ich zeitweise auch sehr angestrengt von bestimmten Segmenten, die sich unglaublich in die Länge zogen, weil gewisse Mechaniken einfach nicht so funktionieren wollten, wie ich es gerne gehabt hätte. Oft war mir bereits klar, wie eine Szene zu lösen war, aber die Umsetzung scheiterte hin und wieder an spielmechanischen Unsauberkeiten. Dabei ist die KI von ‚Trico‘, dem Hund/Katze/Vogel-ähnlichen Fabelwesen nur selten das Problem – obwohl diese derzeit oft als störrisch und ungehorsam rezensiert wird. Doch unabhängig davon, ob dies nun ein Zufallsprodukt oder Absicht der Entwickler war, muss ich rückblickend sagen, dass dies im eigentlichen Sinne kein Problem darstellt: Die Geduld, die der Spieler entwickeln muss, bevor ein Segment von und mit dem tierischen Begleiter bewältigt wird, ist vielleicht gerade ein spannendes Element, das Tricos KI authentisch wirken lässt. Dieses unberechenbare Wesen, welches gerade nicht durch perfekten Gehorsam wie ein Werkzeug für den Spieler fungiert sondern durch liebevolle Animationen, zufällige Aktionen und einen so empfundenen eigenen Willen lebendig wird, lässt seine KI hier wirklich einzigartig und kaum wie eine „künstliche“ Intelligenz wirken.


 
Sicherlich ist das Grundkonzept zu The Last Guardian bereits zehn Jahre alt, und dass es ursprünglich für die Playstation 3 konzipiert wurde ist sicher auch in der finalen grafischen Qualität sichtbar. Allerdings weiß das allgemeine Weltendesign sowie dessen Präsentation in Kombination mit dem dezenten, aber immer emotional stimmigen Soundtrack und der allgemein entwickelten visuellen Ästhetik als Gesamteindruck so fantastisch zu überzeugen, dass die Grafik als solche das Erlebnis nicht mindert. Ehrlich gesagt habe ich während des Spielens nicht wirklich darauf geachtet, ob nun alle Texturen scharf sind oder Ähnliches; und wer The Last Guardian für solche Aspekte kritisiert, wird vermutlich insgesamt wenig Freude an diesem Erlebnis haben.


 
Während des Schreibens dieses Rückblicks fällt mir vor allem immer wieder auf, wie ich versuche, den Begriff „Spiel“ bei der Beschreibung von The Last Guardian zu vermeiden und mir ist nicht ganz klar wieso … Eigentlich freut man sich als Entwickler und Rezensent ja immer, wenn ein Spiel released wird, das zeigt, wie viel mehr Spiele heutzutage sein können als reines Entertainment, und doch fühlte sich dieses so ganz anders an …
Das damalige „ICO“ war ein Rätsel-Spiel mit dem leicht klischeehaften, aber dennoch fein umgesetzten Thema der Kraft von Freundschaft; „Shadow of the Colossus“ ein Spiel, in dem es sechzehn Boss-artige Gegner zu besiegen galt – eine Geschichte von Obsession und Aufopferung sowie der Frage danach, ob sich der Wert eines Lebens gegen ein anderes aufwiegen lässt (aber dennoch klar eingebettet in den Kontext eines Spiels) – aber obwohl auch bei The Last Guardian Schalter-, Schiebe- und Kombinations-Rätsel gelöst werden müssen, bleibt nach dem Ende überwiegend das Gefühl der Bindung zu dem Fabelwesen hängen, sowie die leicht melancholische Note zum Ende des ‚Spiels‘, einen feinsinnigen Umgang mit der eigenen Umwelt sowie die Koexistenz mit dem „Fremden“ stärker im Bewusstsein halten zu wollen.


 
Und dann sitzt man da – zwölf Stunden später – die Geschichte ist vorbei … neun Jahre Wartezeit für diese nun fast schon kurz erscheinenden Momente mit Trico, dem Fabelwesen, das weder Katze, Hund noch Vogel ist, alle gleichermaßen und doch etwas Eigenes. Das ‚Spiel‘ ist vorbei, und trotz der Ruhe und Stille weiter Teile seiner Welt hallt The Last Guardian nach, und zwar deutlich. Zutiefst bewegt von diesem rührenden Gesamtkunstwerk, einer audiovisuellen Reise, wie man sie noch selten in diesem Medium findet, will ich nun eigentlich gerne über dieses Werk und vor allem sein Ende reden – aber das erlebt wohl jeder am besten selbst.

Uedas drittes Meisterwerk? Absolut.

 

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