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[im Test: Android 0.31.0 und iOS 1.1.1 sowie ältere Versionen]
Entwickler verpasst Chance auf Spiel des Jahrzehnts?

Und dabei klang das Konzept so fantastisch: gehe raus und fange Pokémon in der realen Welt. Wie viele – nicht nur der ersten Generation – hatten sich das wohl schon einmal gewünscht, nachdem Pokémon Rot & Blau vor nun bereits über 17 Jahren die Spielewelt auf dem Nintendo GameBoy im Sturm erobert hatten. Entwickler ‚Niantic‘ hatte hier eine einmalige Chance, womöglich DAS Pokémon-Erlebnis des Jahrzehnts zu kreieren – leider muss nach einigen Wochen mit der App „Pokémon GO“ doch festgehalten werden, dass die Enttäuschung kaum zu übersehen ist.

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Aber warum? Im Hinblick auf Userzahlen stellt Pokémon GO schließlich die mit Abstand erfolgreichste App seit langem dar, bei denen selbst erfolgreichen MMOs schwindlig würde. Zwar könnte ich mich an dieser Stelle auch auf sämtliche Bugs des Spiels, Abstürze, ständige Serverprobleme, die notorische Entfernung essentieller Spielfeatures seitens der Entwickler (anstatt diese zu fixen) und immer schlimmer werdende Updates (Pokémon sind schwieriger zu fangen, Tracking funktioniert nicht, Spielerfortschritt wird zurückgesetzt etc.) beziehen, aber selbst davon abgesehen und wenn all diese Fehler und Inkompetenzen gelöst würden, bliebe immer noch das Kernproblem dieser Applikation:

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Es ist das Herz, der Charme und wenn man so will, die Seele von „Pokémon“, die in jeder Faser dieser Applikation zu fehlen scheint. Ein „Spiel“ möchte ich Pokémon GO erst gar nicht nennen, weil es dafür nicht genug Inhalte und/oder Gameplay bietet, aber das was an Inhalten da ist, hat mit den ursprünglichen Games (von Entwickler GameFreak, die bei dieser Entwicklung leider nicht mit von der Partie waren) leider wenig zu tun: Weder gibt es ein strategisches und tiefergehendes Kampfsystem, noch Tauschfunktionen oder Kämpfe gegen Freunde, noch absehbare Ideen für das Endgame.

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Zudem verhindert das unnötig grindige Bonbon-Level-System (bei dem zu einer Weiterentwicklung zig Pokémon der gleichen Art gefangen und gegen Bonbons weggeschickt werden müssen) jegliche „Bindung“ zu seinem Starter- oder irgendeinem Pokémon, sodass jedes völlig austauschbar erscheint – selbst ein seltenes Pokémon zu findet verliert dadurch völlig seinen Reiz, weil zu dessen Weiterentwicklung oder Stärkung noch zig weitere nötig wären. Man verbringt hier gefühlt einfach keine Zeit in der „Welt“ von Pokémon, man spielt stattdessen ein emotional belangloses Sammelspiel von 3D-Modellen, die der Entwickler noch dazu einfach von der Library der aktuellen 3DS-Games ohne jede Eigenleistung portiert hat (und leider macht diese App doch irgendwie süchtig).

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Und dieser Entwickler – Niantic – ist es auch, was mich am meisten an der Zukunft dieser App zweifeln lässt. Ja, natürlich war zu erwarten, dass bei einem Launch dieser Größenordnung jegliche Server vermutlich überlastet sein würden und „irgendwann-noch-zu-fixende Bugs“ ja leider der Alltag der „modernden“ Games-Industrie geworden sind, aber dass in eben dieser heutigen Zeit ein Entwickler, dessen Spiel jeden Tag mehrere Millionen Dollar an Umsatz generiert, kein adäquates Community-Management und noch nicht einmal rudimentäre Kommunikation mit seiner Fanbase über Twitter etc. vorweisen kann, außerdem das Fixen essentieller Features und Fehler völlig arbiträr zu priorisieren scheint und dies trotz des gewaltigen Umsatzes mit fehlenden Ressourcen begründet, ist indiskutabel. Die anscheinend fehlende Liebe zum Detail oder zur Marke Pokémon selbst wird hier schon fast zum traurigen Nebenschauplatz.

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Aber auch Nintendos Ansatz (ebenso wie der Pokémon Company), eine solche Chance an externe Entwickler auszulagern ist schwer nachvollziehbar. Zwar ist ja mittlerweile allgemein bekannt, dass Nintendo nicht auf seine Fanbase hört (wie wäre sonst jemals ein so enttäuschendes „Star Fox Zero“ entstanden), aber bei einer möglichen weltweiten Erweiterung der Reichweite der Hausmarke „Pokémon“ allen Ernstes nicht mit einem potentiell großen Erfolg zu rechnen und einen externen Entwickler mit gerade einmal einem simplen Re-Skin des bereits existierenden Spiels „Ingress“ zu beauftragen, zeigt für mich eigentlich nur, wie egal Nintendo seine eigene Marke ist und wie wenig Interesse hier gezeigt wird. Vielleicht wird das ja besser mit der NX?

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Dabei ist es so schade, all diese Dinge so negativ zu sehen, denn was ich sicherlich am positivsten in Erinnerung behalten werde, sind die vielen Kontakte und Begegnungen, die mir bei dem sozialen Happening, das Pokémon GO zweifelsohne verursacht, passiert sind. Gerade in den ersten Wochen der App brachte diese so viele Menschen zusammen, die sonst vielleicht nie miteinander geredet hätten – eine schöne Botschaft in einer medialen Welt, die derzeit von medialer Meinungsmache bzgl. Angst vor Terror dominiert wird. Ein bisschen mehr Positives, ein wenig Innehalten, einfach mit anderen ein Spiel genießen und sich austauschen – immerhin dafür war das Experiment Pokémon GO es sicherlich wert. Hoffentlich bleibt es auf lange Sicht nicht nur dabei.

 

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